16 Februar 2011

DE TAUCHER

Ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem man sich zunehmend mit Gleichaltrigen über "Die gute alte Zeit" austauscht und den Jüngeren in der Familie Geschichten aus "Grauer Vorzeit" erzählt. Letzteres kommt sehr gut an, natürlich nur, wenn man sich nicht zu häufig wiederholt.

Auch mein Bruder und ich mochten als Kinder zu gerne meinem Großvater zuhören, wenn die Familie mal wieder gemütlich beisammen saß, Großvater obligatorisch mit einem ordentlichen Rumgrog (auch im Hochsommer!). Die Geschichten waren natürlich immer gleich: Kaiser Wilhelm II, Deutsches Reich, Goldmark (da war das Geld noch was wert), Jugendzeit, 1-ter Weltkrieg, Arbeit als Steinsetzer ... .

Und wenn dann mein Großvater besonders gut gelaunt und in Form war, trug er, und zwar auswendig, das Gedicht "DE TAUCHER" vor. Wir haben es geliebt, jedes Mal aufs Neue.

Großvater wollte es aufgeschrieben haben, wir hatten ihn ein paarmal darum gebeten, war aber nichts geworden. Ich hatte das Gedicht auch immer wieder mal im Internet gesucht und jetzt endlich ist er/es wieder aufgetaucht, auf der Webseite "http://www.clormac.de/" von Herrn Wilfried Sawatzky.
Dafür, herzlichen Dank!

DE TAUCHER
Wer wogt dat, Rittersmann oder Schinner?
Wer springt in düsse Schietkuhl rünner?
Mi is de Klock dor rünner flogen!
Nanu, will dat keeneen vun Juch wogen?
Nanu, wat simmuleert Ji denn so lang,
Sünd Ji vör de lütten Ködels bang?
Verdammi noch mol, ick lot een'n rieten,
Dor müch man vor Wut de Büx vullschieten!

So gröhl de Ritter vun Knacksjohann
Un keek siene versop'nen Mannen an.
Doch all de Wieber un all de Männer
Keken vull Ekel in de Schietkuhl rünner,
Se kunn' fix supen, kunn' ok fix freten,
Harrn ok de ganze Kuhl vullscheten,
Se wull'n ok geern noch'n poor Ammer vullmiegen.
Wieder ober weur vun jem nix to kriegen.
Ober keeneen vun jem wull dat wogen
Un wull sick mit de Drummels plogen.

De Husknecht ober, een fixen Mann,
Süht sick den Schiet 'n beten neeger an.
Een fixen Kerl vun'n Kopp bit tum Mors,
He weur bekannt as Nikolaus Kohrs,
Een richtigen Hamborger Hoppenmarksleuw,
De manch een Schiet all beroken un bepreuf,
Een fixen Kerl, keen Happen bang,
De keem heran, besunn sick nich lang;
De sä to den Ritter: "Ick will se holn,
Du muß' ober 'n Buddel vull Köm betohln."

Dor smitt he sien Mütz un Kittel an de Siet
un springt koppeister herrin in de Schiet,
dat links un rechts in groten Bogen
De dicken Ködels mang de Fruunslüüd flogen.
"Oh je", reepen se all, "is de ober frech,
De kummt nich wedder, de is wech.
De is verratzt, de is futsch,
He mutt jo ersticken in den Mutsch!
Wat söcht de Kerl denn blots dor ünn?
He kann mang de Ködels de Klock doch nich finn!"

Doch dor, wat blinkt dor an de Siet,
un deelt mit gewaltigen Armen de Schiet?
De Husknecht is't, un in siene Linken
Hollt he de Klock mit lustigem Winken
Un prust: "Verdori, dat is nix för'n Kenner,
Dor springt de Düvel sülms nich rünner,
Dat is jo een Mutsch, een Schiet un een Dreck,
Denn is dat so glitschig as Oil un as Speck,
Verdori nochmol, köönt ji aber schieten,
Wie kann man sick blots so'n Ködels afkniepen!

De eene Ködel weur ganz gediegen,
Denn de weur nich ut'nanner to kriegen,
Ick heff dorin beten un heff dorin knepen,
Denn hett wull so'n ooles Waschwief utscheten
De stunk so verdächtig no Soda un Seep
Un as ick in'n Düstern so üm mi greep
Dor rükt dat so muffig, so knuffig un fuul,
Dor kreeg ich 'n Ködel direkt in't Muul.
Ok den heff ick tapfer ut'nannerbeten,
Düssen hett een Kromerlehrling utscheten,
Denn de smeckt ganz no Honnig un Plumm,
Dor heff ick ok de Klock mang funn'.
Hier is de Klock, düt wart se wull sien,
Heiliges Pech, ick stink as 'n Swien!"

De Ritter, de gröhlt: "De Klock hest du holt,
Ok de Buddel Köm ward betohlt.
Di is ober blots de Hälfte gelung'n,
Denn du hest jo mien Uhrkeet nich funn',
Dalli, jo dalli, nu is dat noch Tied,
Hol de Keet, noch mol in de Schiet,
Un finnst du de Keet, ick swör bi mien Leben,
Denn will ick noch twee Buddeln Köm utgeben."
Dor ober reep de verscheet'ne Kohrs:
"Ick will di mol wat segg'n: Klei di an Mors!"

(Autor unbekannt)

02 Februar 2011

Wahnsinn



"Der ganz normale Wahnsinn", ein Jugendtheaterstück mit Live-Musik, eine Produktion der Goethe-Schule Flensburg, geschrieben von Gunter Hagelberg und Arne Schumacher, Musik von Marco Lintz.

Allein schon diese Kombination bürgt für Qualität, und so war es auch, wie wir uns gestern bei der Premiere in Flensburg überzeugen konnten.

Über zwei Stunden beste Theaterunterhaltung, und das für nur 3 Euro Eintritt – Wahnsinn.

Theater im Theater, fast wie im dem wahren Leben, gekonnt dargeboten von Schauspielern und Band – Wahnsinn.

Der Saal, zwar mit ein wenig zu viel Hall, aber sonst sehr schön, genauso wie Bühne, Requisite, Ton- und Lichttechnik – Wahnsinn.

In der ausreichend langen Pause konnten Getränke und ein Imbiss für kleines Geld gefasst werden – Wahsinn.

Ein besonderes Lob gebührt dem Komponisten der Musik: Marco Lintz. Habe selten so gute Musik bei einer Musiktheaterproduktion gehört – Wahnsinn.

Einigen war die Musik zu laut und die Texte der Songs zu wenig verständlich, mir war die Musik zu leise und die Texte ziemlich egal – Wahnsinn.

Die Lautstärke der Musik werde ich mir bald selbst regeln können, habe nämlich aus gut unterrichteten Kreisen vernommen, dass die Musik noch im Tonstudio eingespielt und dann auf CD gebrannt werden soll – Wahnsinn.

Innovativ war die Applausordnung, sie lief beeindruckend schnell, wie in Zeitraffer ab, so als konnten es die Schauspieler nicht erwarten, zur Premierenfeier zu kommen – Wahnsinn.

Und dann der nächtliche Heimweg:
Müde, mit abgeschlafften Mitfahrerrinnen, das Navi will uns zunächst nicht nach Kiel, sondern zurück zur Goethe-Schule lotsen, Elefantenrennen auf der Autobahn, unkenntliche Fahrbahnmarkierungen, Dunst, Nebel, Nieselregen, nasse Straßen und vor der Haustür ein vereister Gehweg – Wahnsinn, der ganz normale Wahnsinn.